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Im Würgegriff der Magersucht (30.04.08)

Das englischsprachige White Horse Theatre zu Gast an der Karl-Marx-Sekundarschule
Englischsprachiges Theater erlebten gestern die Schüler der Karl-Marx-Sekundarschule. In zwei verschiedenen Aufführungen zeigten die Schauspieler des White Horse Theatres für die jüngeren Schüler eine Art Märchen, die älteren konfrontierten die Schauspieler mit härterer Kost : Da ging es um Magersucht.

Gardelegen. Einmal im Jahr sind die Schauspieler des englischen White Horse Theatres zu Gast in der Karl-Marx-Sekundarschule. Die Schüler sollen Englisch von Muttersprachlern hören, sollen erfahren, dass sie vielleicht nicht alles wörtlich verstehen, einer Unterhaltung oder Handlung aber durchaus folgen können.

" Food for Thought " heißt das Stück, das Theatergründer und -leiter Peter Griffith geschrieben hat. Es geht um Magersucht – und vor allem die Mädchen im Publikum hörten und sahen aufmerksam zu, während sich vor allem einige Jungs als notorische Quassler betätigten.

Die 15-jährige Schülerin Samantha ( Sheryll Turner ), kurz Sam genannt, ein schlankes Mädchen, findet sich zu dick. Eine innere Stimme ( Ben Hadley ) arbeitet in ihr, sagt : " Ich kann dich so schön machen wie die Mädchen in den Magazinen. " Ihren Eltern sagt Sam, sie wolle eine Diät machen. Die wollen ihr das ausreden : " Wir lieben dich, so wie du bist. "

Eindringlich spielen die vier Schauspieler, wie Sam immer mehr in die Abhängigkeit der Magersucht gerät, wie sie ihrem Freund, wie sie ihren Eltern, ja sich selbst fremd wird, wie die innere Stimme der Sucht immer mehr ihren Lebensmittelpunkt bildet.

Sie findet Ausreden, nichts zu essen, selbst als ihr Freund Duncan ( James Harvis ) von ihren Eltern zum Essen eingeladen wird : " Ich bin nicht hungrig, stellt meine Portion in den Kühlschrank. " Sam quält sich und ihren Körper mit Fitnessübungen. " Ich mache mich besser für Dich, besser für mich, ich mache das, damit ich attraktiv werde ", erklärt sie ihrem Freund, der ihr beteuert : " Ich liebe dich so, wie du bist. " Doch sie fährt ihn an : " Du willst mich aufblasen wie einen Ballon. "

Ihrer Mutter Betty ( Hannah Burges ) sagt sie, sie habe Bauchschmerzen, und die Mutter überspielt in Duncans Gegenwart das Problem mit Gekicher – darüber spricht man nicht. Erst als der Freund weg ist, fragt die Mutter den Vater ( ebenfalls gespielt von Ben Hadley ) : " Was ist mit Samantha ?"

Unterdessen gerät das Mädchen mehr und mehr in die Magersucht. Sie trainiert wie eine Besessene, doch die innere Stimme fordert : " Mehr, mehr, die nächste Übung !" Als Sam zusammenbricht, erklärt sie ihrer Mutter : " Ich bin fi t. Ich will nur ein bisschen Gewicht verlieren. " " Vielleicht ", erzählt sie ihrer Mutter, " werde ich ja Model ".

Die Mutter will handeln (" Du machst dich krank ") und zwingt ihre Tochter, ein Glas Milch zu trinken. " Das ist der Anfang ", sagt sie zufrieden, während ihre Tochter die Milch runterwürgt. Als die Mutter draußen ist, sagt die innere Stimme : " Schreckliche, fette Milch. Spuck sie aus ! Tu es !" Erst weigert sich Sam, doch dann erbricht sie die Milch.

Zeitsprung. Zwei Monate sind vergangen. Sam trifft Duncan wieder. Dass sie in dieser Zeit in der Klinik war, verheimlicht sie ihm : " Ich musste jemanden besuchen. " " Du hast einen anderen ", argwöhnt Duncan, der Samantha immer noch liebt. Sie klärt nichts auf, sondern bügelt Duncan brüsk ab : " Ich habe keine Zeit für eine Beziehung " – und die innere Stimme applaudiert : " Gut gemacht. "

Selbstzweifel plagen das Mädchen : " Ich gebe alles für dich auf ", klagt sie die eigene Sucht an – und die antwortet : " Wir sind noch nicht fertig. " Doch Sam versucht den Ausbruch. Streng nach Plan isst sie nun, zählt die Kalorien – und will so doch nicht leben. Gespenstisch die Szene, als ihre Mutter ihr ein Stück Apfel gibt und nachschaut, ob Samantha es runtergeschluckt hat. Hat sie nicht, sie hat es in ein Taschentuch gespuckt.

Die Sucht ist stärker als die Liebe zur Mutter und zum Vater : " Essen all zwei Stunden, das kann ich nicht mehr aushalten. Warum kannst du mich nicht lieben wie ein Mutter ?", schreit Samantha : " Alle sind gegen mich, alle wollen mich fett machen, damit alle sehen, was für eine gute Mutter du bist. " Dass der Vater hilflos versucht, der Tochter zu erklären, welche Angst die Eltern haben, " dass du dich zu Tode hungerst ", kommt bei Samantha nicht mehr an : " Ich hasse Euch beide. "

Später schluchzt das Mädchen : " Ich habe alles verloren " – und die innere Stimme tröstet : " Ich bin dein einziger Freund. " Die Sucht lässt nicht locker : " Du magst es, gut auszusehen ", flüstert sie, " dünn zu sein, bedeutet, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen ".

Doch Samantha versucht erneut, die Sucht zu besiegen : Es ist 18 Uhr, Zeit, entsprechend des Essenplans was zu essen. Doch die Sucht ruft : " Es macht dich fett, du wirst hässlich. Mach Übungen !" Doch Samantha ist stärker : " Nein, ich muss mich hinlegen. " Aber die Sucht droht : " Ich bin immer noch da. "

Duncan kommt zu Besuch, will Samantha besuchen. Die Eltern verschweigen wieder die Sucht der Tochter : " Sie war sehr beschäftigt. " Beim Spaziergang kauft Duncan Samantha ein Mars : " Iss, ein Mars macht doch nichts. " Doch Samantha mag nicht : " Warum soll ich essen ?"

Das Ende bleibt offen. Die Sucht ist noch da, die Eltern, der Freund, ein magersüchtiges Mädchen – und immer noch viel Unsicherheit, damit umzugehen. Und auch wenn die Schüler im Publikum nicht alles verstanden haben – einigen Mädchen schien vieles recht vertraut vorgekommen zu sein.


Quelle: www.volksstimme.de |

Autor: J. Marten | Foto: © J. Marten

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