16.07.2010

Patricia Jonghbloet: “Kann es sein, dass Onkel Frans hier liegt?”

Marc Jonghbloet ist gemeinsam mit seiner Frau Urszula Wielemborek und seinen Töchtern Veronique (16) und Patricia (10) in die Altmark gekommen, um nach dem Verbleib seines Onkels Frans Jonghbloet zu forschen, der wahrscheinlich am 13. April 1945 in der Isenschnibber Feldscheune getötet wurde. Auch die Gedenkstätte in Mieste schaute sich die Familie an.Foto: Christina Bendigs

Marc Jonghbloet ist gemeinsam mit seiner Frau Urszula Wielemborek und seinen Töchtern Veronique (16) und Patricia (10) in die Altmark gekommen, um nach dem Verbleib seines Onkels Frans Jonghbloet zu forschen, der wahrscheinlich am 13. April 1945 in der Isenschnibber Feldscheune getötet wurde. Auch die Gedenkstätte in Mieste schaute sich die Familie an.Foto: Christina Bendigs

Belgische Familie kam auf der Suche nach Frans Jonghbloet in die Altmark

Die belgische Familie Jonghbloet ist in den vergangenen drei Tagen in Gardelegen und Umgebung unterwegs gewesen, um die Spur ihres verstorbenen Onkels Frans Jonghbloet nachzuverfolgen. Der belgische Mann ist vermutlich bei dem Massaker in der Isenschnibber Feldscheune am 13. April 1945 zusammen mit 1015 weiteren Menschen getötet worden.

Mieste/Solpke/Gardelegen. Auf dem Solpker Friedhof laufen noch die letzten Bauarbeiten am Friedhofsweg. Doch daran sind die Jonghbloets aus Belgien am Mittwochvormittag nicht interessiert. Auf der Suche nach einem verstorbenen Onkel sind sie auf den Solpker Friedhof gekommen, um sich das anonyme Gräberfeld anzuschauen, in dem unbekannte KZ-Häftlinge beerdigt wurden, die auf ihrem Weg in die Isenschnibber Feldscheune im April 1945 ums Lebens kamen.

“Kann es sein, dass Onkel Frans hier liegt?”, fragt die zehnjährige Patricia ihren Vater Marc Jonghbloet. “Das können wir nicht sagen”, antwortet er ihr, “denn die Nummern der Häftlinge stehen nicht dabei”. Nicht nur Marc Jonghbloet ist an dem Verbleib seines Onkels interessiert. Auch seine Töchter Patricia und die 16-Jährige Veronique möchten erfahren, was mit ihrem Großonkel geschehen ist.

Ihre Suche haben die Jonghbloets bereits vor 19 Jahren begonnen. “Mein Vater wollte immer wissen, was aus seinem Bruder geworden ist”, erzählt Marc Jonghbloet.

Was die Familie herausgefunden hat, ist erschütternd. Als sogenannter “Nacht- und Nebelhäftling” sei ihr Onkel Frans im Alter von 17 Jahren festgenommen worden. “Die Nacht- und Nebelhäftlinge waren junge Männer, die gefangen genommen wurden, damit kein Widerstand geleistet werden konnte”, erklärt Frigga Conrad vom Förderverein Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune, die am Mittwoch einen Teil des Weges, den auch die Häftlinge gegangen waren, zusammen mit der Familie abgefahren ist.

“Meine Eltern haben sich immer über das Deutsche Rote Kreuz geärgert, weil die Pakete, die sie geschickt haben, nie bei meinem Onkel angekommen sind”, erzählt Marc Jongh- bloet. Heute weiß er: “Die Häftlinge durften keine Briefe oder Pakete empfangen. Die Verwandten durften nicht einmal über deren Tod informiert werden.” Ursprünglich ging die Familie davon aus, dass Frans Jonghbloet nach den Zwischenstationen in Vechta und Esterwegen im Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Nordhausen ums Leben kam. Marc Jonghbloet zeigt die Kopie einer Erinnerungstafel, auf der die Lebensstationen seines Onkels mit Datum verzeichnet sind: “Er ist einmal am Geburtstag meiner Mutter und einmal am Geburtstag meines Vaters verlegt worden”, erzählt Marc Jonghbloet kopfschüttelnd. 2009 fand er heraus, dass Frans Jonghbloets Leidensweg nicht in Nordhausen endete, sondern vermutlich am 13. April 1945 in Gardelegen.

Auf das Massaker in der Isenschnibber Feldscheune wird die Familie durch Angaben des Überlebenden Pierre Stipelmans aufmerksam. Sie schauen sich auch Bilder des Massakers an. Eines der Fotos zeigt einen jungen Mann in Großaufnahme, der dem Foto seines Onkels ähnelt, das Marc Jonghbloet auch am Mittwoch bei sich trägt.

“Es ist gut, dass er hier liegt, gemeinsam mit seinen Kameraden, die mit ihm gestorben sind”

Daraufhin beschließt die Familie auf dem Weg in den Urlaub in Polen einen Zwischenstopp in Gardelegen einzulegen, um sich die Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune anzuschauen und weiter zu forschen. Doch eine DNA-Analyse, wie Marc Jonghbloet gehofft hatte, wird nicht möglich sein, weil der getötete Häftling auf dem Foto nicht identifiziert worden war. Stattdessen kann Marc Jonghbloet lediglich durch eine Fotoanalyse herausfinden, ob es sich bei dem abgebildeten Toten um seinen Onkel handelt. Er will sich darum kümmern, wenn er in Belgien zurück ist. Zu 90 Prozent ist sich der 55-jährige Polizist aber schon jetzt sicher, dass es sich um seinen Onkel handelt. Er hat ihn nie kennengelernt.

Weitere Stationen der Familie sind am Mittwoch die Gedenksteine entlang der Bundesstraße 188 zwischen Solpke und Mieste, an denen täglich hunderte Autofahrer vorbeibrausen. Auch den Friedhof in Mieste schauen sich die Jonghbloets an, während Patricia und Veronique nach Minuten des Schweigens und Innehaltens immer wieder Fragen stellen.

Marc Jonghbloet findet es schade, dass seine Töchter in der Schule wenig über die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg erfahren. Veronique werde nächstes Jahr ihr Abitur machen, erzählt er, der Zweite Weltkrieg sei erst im letzten Schuljahr Bestandteil des Unterrichtes. Nach Jonghbloets Ansicht sollte auch jeder Schüler einmal das Konzentrationslager Auschwitz besuchen, “damit jeder weiß, was dort passiert ist, damit es nicht vergessen wird, damit es nie wieder passiert”.

Dass die Familie Jonghbloet nicht genau weiß, unter welchem der 1016 Kreuze auf der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe ihr Onkel Frans beerdigt ist, fand sie am Anfang schade. Doch am Mittwoch sagt Marc Jonghbloet: “Es ist gut, dass er hier liegt, gemeinsam mit seinen Kameraden, die mit ihm gestorben sind.”

Quelle: Volksstimme | Autor: C. Bendigs