18.02.2010

Heiße Flaschen im Sekundentakt

Etwa drei Glastropfen pro Sekunde verlassen den Ofen

Etwa drei Glastropfen pro Sekunde verlassen den Ofen

Produktionsbeginn bei der Agenda Glas AG / Die erste von jährlich 300 Millionen Flaschen lief vom Band

Die heiße Phase ist vorbei – glühend heiß ist das Ergebnis. Nach monatelanger Bautätigkeit lief gestern im Gardelegener Werk der Agenda Glas AG die erste Flasche vom Band: Glasklar, weiß, und ganz genau 235 Gramm schwer.

Angespannte Gesichter, erwartungsvolle Blicke: Mitarbeiter, Techniker, Bauarbeiter, Experten einer amerikanischen Spezialfirma, kurz alle, die momentan abkömmlich sind, finden sich gestern im neuen Glaswerk an der Formgebungsmaschine ein. Sie ist das Herz des neuen Werkes. Und das beginnt ab sofort, im Takt zu schlagen.

Und es schlägt schnell. “300 Flaschen in einer Minute” – und das nur bei einer von drei Linien – werden es sein, wenn die Produktion läuft, sagt Vorstand Josef Bockhorst. Auch er und sein Vorstandskollege Wolfram Seidensticker warten gespannt vor “Reutter II”. So nämlich heißt die mittlere der riesigen Anlagen, die etwa gegen 10 Uhr am Morgen die erste Flasche produziert.

Noch allerdings ist das Glas nicht so ganz klar. Und auch ihre Schwestern, die ihr nun als Dreierset und annähernd im Sekundentakt folgen, haben noch nicht die richtige Form. Mal fehlt der Boden, mal sind Staubeinschlüsse zu erkennen, bei einer anderen ist der Hals nicht gerade. Doch das ist laut Josef Bockhorst “ganz normal”. Die Maschine nämlich muss zunächst richtig heiß werden. Erst dann wird der “Glastropfen” – der ist übrigens auf ein Zehntel genau 235 Gramm schwer – die Form vollkommen ausfüllen, erklärt er.

Und er hat recht. Ganz plötzlich passiert es: Noch rotglühend, aber perfekt geformt, schiebt ein Arm der Maschine drei Flaschen auf das Förderband.

Wolfram Seidensticker steht unmittelbar daneben. Mit einer Spezialzange und Handschuhen – immerhin beträgt die Glastemperatur hier noch “rund 650 bis 700 Grad” – nimmt er eine davon vom Band herunter, begutachtet sie kritisch und nickt. Erleichterung steht allen Umstehenden ins Gesicht geschrieben. Und Stolz!

Wer gestern beim Probelauf dabei ist und sich dazu in der Produktionshalle umsieht, kann das natürlich nachvollziehen. Denn was auf dem Firmenareal der Agenda Glas AG zwischen der Grundsteinlegung – im September 2009 – und gestern an der künftigen Dr.-Kurt-Becker-Straße im Gewerbegebiet Ost II entstand, ist beeindruckend.

Rund 50 Millionen Euro wurden in Gebäude und Technik investiert. Dabei natürlich hochmoderne Spezialmaschinen, die derzeit gerade justiert und eingestellt werden. Denn nicht nur die Formgebungsmaschine in der Produktionshalle fährt momentan im Probelauf. Auch die Maschinen für Kühlung und Qualitätskontrolle, die im weiteren Verlauf des Bandes auf die Flaschen “warten”, müssen natürlich getestet werden. Letztere kommen direkt aus den USA. Und so hört man derzeit überall am Band neben deutschen auch amerikanische Töne.

Thierry Vilnet, der den Testlauf einer Kontrollmaschine am Computer überwacht, ist allerdings Franzose. Lächelnd stellt der Fachmann extra fürs Pressefoto einige Flaschen aufs Band und lässt sie durch die Anlage laufen, die im Gardelegener Glaswerk scherzhaft “Kaffeemaschine” genannt wird. Und ein bisschen erinnert das riesige halbrunde und schwarzverglaste Hightech-Gerät tatsächlich an eine solche. “Und da vorn ist dann noch ein Toaster”, zwinkert Bockhorst mit Blick auf eine weitere Inspektionsanlage einige Meter weiter. “Damit haben wir eigentlich die komplette Küche zusammen.”

Hier wird allerdings nicht gefrühstückt, sondern überwacht. Und zwar die Qualität jeder einzelnen Flasche – oder auch jedes Glases. Elektronisch prüft die Anlage zum Beispiel die Glasdicke, erkennt Risse und Einschlüsse in Wand oder Boden und “sieht”, ob das Schriftbild – unter anderem das Symbol der Agenda Glas AG Gardelegen, ein Flammenrohr und Feuerstrahlen – richtig ausgeprägt ist, erklärt Wolfram Seidensticker. Das Zeichen nämlich wird ab jetzt jedes Produkt kennzeichnen, dass das Gardelegener Werk verlässt. “Ketchup- und Gewürzflaschen” zum Beispiel. Aber auch “Spirituosen oder Konservengläser”. “Unsere Auftraggeber warten schon auf die erste Lieferung”, versichert Josef Bockhorst.

Die Produktion in der Agenda Glas AG, die der Region übrigens rund 130 Arbeitsplätze beschert, wird etwa in zwei Wochen richtig angelaufen sein. In drei Tagen wird die zweite Produktionsstrecke dazugeschaltet. Der Probelauf der dritten Linie startet in der kommenden Woche. Dann werden hier in einer Schicht rund 430000 Flaschen oder Gläser hergestellt. Jedes einzelne so perfekt, rein und glühend heiß, wie der Prototyp, den gestern “Reutter I” auf das Band stellte.

Quelle: Altmark Zeitung | Autor: G. Biermann