02.02.2010
Todeskampf im Stadtgraben

Ein toter Zander auf dem Eis, tote Rotfedern gleich dutzendweise im frischen Eis dahinter. Der Stadtgraben riecht derzeit moderig und wird zum Grab für viele Fische. Der Vorsitzende des Kreisanglervereines, Reiner Leppek, rechnet mit einem Verlust von zwei Dritteln des Fischbestandes.
Sauerstoffmangel sorgt für Fischsterben und üblen Geruch / Streit um Sinn eines verstärkten Zulaufes
Spaziergänger haben es schon am Wochenende bemerkt. Es riecht moderig am oberen Ende des Stadtgrabens, dort wo kein Eis das Gewässer bedeckt. Weiter unten Richtung Salzwedeler Tor liegen Dutzende tote Rotfedern in einem inzwischen wieder zugefrorenen Loch im Eis. Der Stadtgraben ist immer noch ein Problemfall.
Sie hofften, mehr Sauerstoff zu bekommen. Vergeblich. Mehrere Dutzend Rotfedern sind eines eisigen Todes gestorben. Eingeschlossen im Eis, zeugen sie von der schlechten Lage, in der sich der Stadtgraben derzeit befindet.
Vermutlich Spaziergänger hatten am Wochenende im unteren Bereich des Stadtgrabens, nahe dem Salzwedeler Tor, direkt am Ufer ein Loch in die Eisschicht geschlagen. Am Sonntag lag daneben bereits – auf dem Eis – ein großer Zander. Tot. Gestern war das Loch wieder fast zugefroren – und bot einen traurigen Anblick. Im Eis eingefroren waren zahlreiche tote Rotfedern, einige andere bewegten sich noch, konnten teils ihr Gleichgewicht nicht halten. Todeskampf im Stadtgraben.
Die Rotfedern werden nicht die letzten Fische gewesen sein, die verenden, befürchtet Reiner Leppek. Der Vorsitzende des Kreisanglervereines erwartet, dass zwei Drittel des Fischbesatzes des Stadtgrabens das Fischsterben nicht überleben werden. ” Genaueres können wir erst nach dem Eisaufgang sagen. ”
Es sei nun genau das eingetreten, ” wovor wir seit langem gewarnt haben ”, sagte Leppek : ” Die Dinge eskalieren. ”
Das Fischsterben habe zwei Ursachen, so der Angler. Zum einen die Eutrophierung infolge des zu großen Nährstoffeintrages wegen der Fütterung der Wasservögel, zum anderen der nahezu fehlende Frischwasserzulauf. Hinzu komme noch die fast geschlossene Eisdecke. Das Ergebnis sei ein zu geringer Sauerstoffgehalt des Wassers. Fische, die im Winter ansonsten auf dem Boden ruhen würden, wie Aal und Karpfen, seien nun in Bewegung, um sauerstoffreichere Schichten zu finden – und würden so noch mehr Sauerstoff verbrauchen als sonst. Betroffen vom Fischsterben seien aber alle Fischarten.
Schon vor mehr als zwei Wochen hatte das Fischsterben eingesetzt. Da lag unter anderem ein großer Hecht nahe des Überlaufes zum Rottgraben auf dem Eis. Er habe mit der Stadt gesprochen, um eventuell Frischwasser vom Planschbecken in den Rottgraben fließen zu lassen, sagte Leppek. Diese Maßnahme hatte im Sommer schon einmal ein Umkippen des Stadtgrabens verhindert. Er habe aber auch mit Stadtgrabenanwohner Gerhard Henkel gesprochen, der auf Probleme an den Häusern wegen des dann steigenden Grundwasserstandes hingewiesen habe, weil der Stadtgraben überstaut sei.
Leppek : ” Ein Wasserzulauf vom Planschbecken hätte ohnehin nichts gebracht, weil dann die Eisfläche überflutet worden wäre und wir den Schnee zum Schmelzen gebracht hätten. Dann hätten wir die Situation noch verschärft. ”
Zu den Fischverlusten durch das Fischsterben kommen die Kormorane, die den Stadtgraben als Zufluchtsort gefunden hätten, weil er immerhin noch eine freie Wasserfläche und damit Möglichkeit zum Jagen unter Wasser biete, sagte Leppek. Bei täglich bis zu 500 Gramm Fisch, den ein Kormoran benötige, würde der Fischbestand weiter abnehmen. ” Doch die Kormorane können nichts dafür. Wir werden sie jedenfalls nicht vertreiben ”, betonte Leppek. Inzwischen sind schon Kormorane gestorben. Ein Kadaver dümpelte gestern im Wasser nahe dem Ufer herum.
” Wir können wegen des Fischsterbens nichts machen, wir müssen abwarten ”, sagte Leppek. Er hoffe, dass die derzeitige Situation dazu führe, dass sich ” alle Beteiligten im Frühjahr an einen Tisch setzen und das Problem beraten werden ”. ” Vielleicht ”, so Leppek bitter, ” musste es erst soweit kommen ”.
Ein solches Fischsterben habe es lange nicht gegeben, sagte Leppek. Der Kreisanglerverein betreue 54 Hektar Wasserfläche. Bei den regelmäßigen Kontrollen sei nirgendwo sonst eine Situation wie am Stadtgraben festgestellt worden.
Forellenzüchter Hans-Heinrich Gahrns hält – unabhängig von der derzeitigen Situation – nichts von einem verstärkten Zulauf aus dem Planschbecken ( das durch die Milde gespeist wird ). Der Stadtgraben sei ein ” ruhiges, stehendes und warmes Gewässer ” : ” Wenn wir da mehr kaltes Wasser durchleiten, würde die Biologie nicht mehr funktionieren, weil er zu kalt wird. ” Höchstens fünf Liter Zulauf pro Sekunde halte der Stadtgraben aus. Würde der Stadtgraben zu kalt, ” kann es passieren, dass er umkippt ”.
Früher habe es nicht mal einen Abfluss aus dem Stadtgraben gegeben, sagte Gahrns, sondern lediglich eine Dükerung zum Rottgraben : ” Es lief kaum was ab. ”
Leppek widerspricht energisch : ” Das ist Unfug. Der Stadtgraben hat immer einen Frischwasserzulauf gehabt. ” Der Stadtgraben sei durchströmt worden und habe sich in den Rottgraben entwässert : ” So hat die normale Nivellierung funktioniert. ” Diese Durchströmung aber sei schon lange unmöglich, weil der Rottgraben zu viel Wasser führe. Der Grund dafür, so Leppek : Gahrns entnehme zu viel Wasser aus der Milde, leite sie durch seine Anlage und führe sie in den Rottgraben wieder ab, dessen Wasserstand deshalb zu hoch sei, um den Stadtgraben entwässern zu können : ” Deshalb bricht die Wasserzirkulation zusammen. ”
Gahrns hingegen verweist auf Wassermengenmessungen, die er vom März bis November gemacht habe. Demnach seien alle Werte der wasserrechtlichen Nutzungsgenehmigung ” zu 100 Prozent eingehalten ” worden. Gahrns : ” Das können wir beweisen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Lügner. ” Er habe sich ” den Gegebenheiten angepasst, so dass die Probleme, die wir früher hatten, nicht mehr vorhanden sind ”. Die Genehmigung schreibt unter anderem vor, wieviel Gahrns höchstens aus der Milde entnehmen darf und wieviel er mindestens durch die Milde fließen lassen muss.
Differenzen gibt es zwischen Leppek und Gahrns auch in der Frage der Pacht : Gahrns sagt, er habe den Stadtgraben von der Stadt gepachtet und an die Angler weiterverpachtet. ” Falsch ”, sagt Leppek : ” Wir haben den Stadtgraben direkt von der Stadt gepachtet. ” Von der Stadt war gestern dazu keine Klärung zu erhalten.
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