20.11.08
“Herrliches Gefühl in dünner Luft”

Der Älteste und der Jüngste der Gruppe: Hans-Dieter Heyer (l.) und Patrick Wolf (20) aus München auf dem Gipfel des 'Island Peak' im Himalaja. Fotos: privat
Ein Gardelegener auf dem Dach der Welt: Hans-Dieter Heyers Blick aus mehr als sechs Kilometern Höhe
Hoch oben auf dem Dach der Welt sieht man mit ganz anderen Augen, findet Hans-Dieter Heyer. Denn der Gardelegener war genau dort: oben im Himalaja, voller Eindrücke vom Leben – aus mehr als sechstausend Metern Höhe betrachtet.
Er sieht genauso aus, wie man sich einen passionierten Bergsteiger vorstellt. Nicht nur dass er – zumindest für die Jahreszeit ungewöhnlich – so richtig schön braun gebrannt ist, auch seine Augen blitzen mit derselben Leidenschaft, wie man sie von Reinhold Messner aus dem Fernsehen kennt. Kein Wunder: Hans-Dieter Heyer ist erst seit wenigen Tagen zurück von seinem jüngsten Abenteuer. Einmal Himalaja und zurück. Einmal sechstausendzweihundert Meter in die Höhe, wieder nach unten und vor allem zurück aus einer ganz anderen Welt.
Hoch hinaus, und zwar wirklich im physikalischen Sinn, wollte Heyer eigentlich schon immer. Jedoch: Die Grenzen um die DDR reichten auch in solche Träume hinein. Wirklich hohe Berge waren nämlich weder hier, noch im sozialistischen Freundesland so recht finden. “Brocken” und Co. reichten da höchsten, um die Sehnsucht noch anzufeuern, einmal richtig Bergsteigen zu dürfen.
Und so eröffneten die Reisefreiheiten nach der Wende dem Gardelegener, der übrigens viele Jahre lang den AKT-Vorgängerbetrieb VEB Textima leitete, völlig neue Dimensionen. In der Schweiz bestieg er 1997 mit der 3770 Meter hohen “Wildspitze” im Tiroler Ötztal seinen ersten “richtigen” Berg, nahm an einer Alpenüberquerung teil, und nahm sogar Anlauf auf das “Matterhorn”. Das allerdings sei ein sehr “schwieriges, wetterabhängiges Ziel”, so Heyer. Bislang dreimal habe er den Versuch gestartet. Immer war es Petrus, der ihm einen Strich durch den Aufstieg machte.
Doch was Heyer nun vor wenigen Tagen, genauer am 6. November, erlebte, stellt ohnehin alles Vorherige in den Schatten. Denn an diesem Tag erreichte er morgens gegen 9 Uhr die Spitze des “Island Peak” in Nepal. Genau 6189 Meter über dem Meeresspiegel gelegen: “Ein herrliches Gefühl!”, an dem seine Frau Monika im altmärkischen Gardelegen allerdings nicht teilhaben konnte. Jedenfalls nicht unmittelbar. Denn “unsere Handys funktionierten dort oben nicht”, schmunzelte Heyer – der mit elf weiteren Bergsteigern unterwegs war – “nur die der Schweizer”. Aber vielleicht haben die ja auch mehr Erfahrung mit so hohen Bergen.
Unter den eidgenössischen Reisebegleitern und den Deutschen aus Hamburg, Kiel oder Berlin sei er allerdings der Älteste gewesen, erzählt Heyer. Eine Tatsache, die er aber schon von anderen Touren kenne. Mit 67 kraxeln schließlich auch nicht mehr so viele Menschen auf Bergen herum. Obgleich ihm diese Zahl vermutlich auch kaum jemand glaubt, bei dem durchtrainierten und dynamischen Eindruck den er macht. “Ein bisschen Krafttraining, viele Fahrradtouren und Ausdauersport, vor allem aber mit Laufen halte ich mich fit”, verrät Heyer. Sogar drei Marathonläufe hat er schon hinter sich, zahlreiche Halbmarathons ebenfalls. Doch das sei für einen Bergsteiger “auch wirklich notwendig”, weiß er. Denn, wenn die Luft dünn wird dort oben zwischen den Wolken, wenn sie nur noch halb so viel Sauerstoff hat, dann muss nicht nur “der Kopf klar sein”, wie Hans-Dieter Heyer betont, sondern auch die Kondition. Dort oben drohen sonst nicht nur Kreislaufprobleme und die tückische Höhenkrankheit, manchmal muss man “für einen Schritt nämlich dreimal atmen”, beschreibt er. Eine Anstrengung, die auch so mancher Jüngere nicht mehr schafft: So begannen nur neun der ursprünglich 12 Treckingtour-Teilnehmer den zweiwöchigen Aufstieg auf den “Island Peak”. Zwei gaben auf halber Strecke auf und lediglich vier stiegen tatsächlich auch bis auf den Gipfel des Sechstausenders hinauf, der übrigens nur etwa zwei Kilometer entfernt vom “Mount Everest” liegt, dem höchsten Berg der Welt.
Neben so riesigen Zahlen sind es allerdings auch viele beeindruckende Kleinigkeiten, die Hans-Dieter Heyer aus Nepal mitbringt: Eindrücke von einem sehr religiösen Volk und seinen Gebetsmühlentempeln, “an denen man nur linksherum vorbeigehen darf”; von zotteligen, aber wohlschmeckenden Yaks oder den zierlichen einheimischen Trägern, die “unglaubliche” Lasten in die “Lodges” schleppen, in denen die Touristen auf ihren Bergtouren übernachten oder von der für europäische Auffassungen unheimlichen Art der Nepalesen, ihre Toten nach hinduistischem Ritus auf riesigen Holzscheiten zu verbrennen und die Asche anschließend in den Fluss Bagmati zu fegen. Da ist die Landebahn auf dem Flugplatz in Lukla, die im Nichts endet, da sind die “Internetcafés” auf dem Berg, wie Heyer amüsiert beschreibt: “winzige Hütten mit fünf, sechs Laptops und einem Telefon”, da sind die “frechen Affen” in Kathmandu, die einem “schon mal einfach beim Vorbeigehen die Mütze klauen”, die hübschen Kinder, “denen man aber lieber keine Süßigkeiten schenkt, weil der nächste Zahnarzt zehn Tagesreisen entfernt ist” und da sind vor allem die freundlichen Menschen, “über deren Lippen trotz all der Armut nie ein böses Wort kommt”.
Und so hat der Gardelegener aus dem fernen und hohen Himalaja außer großartigen Bildern, tollen handgefertigten Schmuckstücken für seine Frau und einer echten nepalesischen Ohrenklappenmütze aus handgewebter Schurwolle für sich selbst eine besondere Erkenntnis mitgebracht, die ihn die Nepalesen lehrten: “Auf Kleinigkeiten kommt es überhaupt nicht an!”
Und dann schweift sein Blick über die beeindruckenden Fotografien von weiß-blauen Berglandschaften, die überall im Haus hängen. “Bei uns gibt es nur eins: Berge”, sagt Heyer und zwinkert. Und die kann man ja nun wahrlich nicht als “Kleinigkeiten” bezeichnen.