22.112.2013

“Heute weiß ich auch, dass das naiv war”

Als scheckheftgepflegten Gebrauchtwagen stellte ein privater Verkäufer Iris Gräffner diesen Peugeot vor. | Foto: Anke Kohl

Gardelegerin machte mit privatem Autoverkäufer schlechte Erfahrungen / Kriminalbeamte kennen solche Fälle

Aus Fehlern lernt man. Das weiß Iris Gräffner auch. Doch einen Fehler, den die Gardelegerin und ein Bekannter gern nicht gemacht hätten, vor dem möchten sie andere warnen, am besten noch bewahren. Und möglicherweise melden sich andere Betroffene, die sich ihrer Anzeige anschließen.

Volksstimme-Leserin Iris Gräffner ist auf der Suche – auf der Suche nach weiteren Personen, die ähnlich wie sie auf einen mutmaßlichen Betrüger hereingefallen sind. “Ich möchte, dass nicht noch mehr Leute auf diese Masche hereinfallen. Natürlich ist mir heute mehr als klar, dass es ein großer Fehler war, dieses Auto unter diesen Bedingungen zu kaufen. Aber im Nachhinein kann man ja immer schlauer sein”, sagt die Gardelegerin offen und ehrlich.

Folgendes ist geschehen: Als das Auto ihres Nachbarn auf der Rückfahrt von seiner Spätschicht – er arbeitet in der Nähe von Wolfsburg – plötzlich nur noch mit Schrittgeschwindigkeit fuhr, war klar, dass Ersatz her musste. Ein neuer Gebrauchter, und das kurzfristig. “Da es Freitag war und für Montag wieder ein Auto gebraucht wurde, musste es schnell gehen”, erzählt Iris Gräffner. Die erhoffte Lösung brachte der Anzeigenteil eines Wochenblattes, in dem Gebrauchtwagen von privaten Verkäufern angeboten wurden. “Es sollte natürlich ein günstiger Kleinwagen sein”, erklärt Iris Gräffner die Entscheidung für den Peugeot 306, Baujahr 1995, der laut Anzeige scheckheftgepflegt, mit einem Sonnendach und TÜV bis 2015 angeboten wurde. Unter der angegebenen Handynummer meldete sich ein Herr, der noch am gleichen Tag, einem Sonntag, ein Treffen auf einem öffentlichen Parkplatz im Norden der Hansestadt Stendal vereinbarte. “Da mein Nachbar ja kein Auto mehr hatte, habe ich ihn dorthin gefahren”, erzählt sie weiter. Schnell war das angebotene Objekt gefunden, vom Verkäufer allerdings keine Spur. Ein Anruf genügte und der junge Mann erschien kurz darauf auf dem Platz in der Nähe des Johanniter-Krankenhauses. In der Zwischenzeit wurde der Pkw in Augenschein genommen. “Und der sah wirklich ordentlich und gepflegt von außen aus. Auch beim Blick unter die Karosse war nichts zu sehen. Kein Öl- oder Wasserfleck”, versichert Iris Gräffner.

Da die Zeit drängte und der Verkäufer, dessen Ausweis sich die beiden Gardeleger zeigen ließen, durchaus vertrauenswürdig schien, wurden sich die beiden Parteien handelseinig, ohne jedoch einen Kaufvertrag abzuschließen. “Ja, heute weiß ich auch, dass das naiv, gutgläubig und noch so einiges mehr war”, gibt Iris Gräffner unumwunden zu. Da sich der Verkäufer jedoch auch als Gardeleger zu erkennen gab und es dem Vernehmen nach sogar gemeinsame Bekannte gab, “wären wir nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass uns das passieren könnte, was dann kam”, berichtet die Gardelegerin.

Bereits am Ortsausgang von Stendal schlug die Motortemperaturanzeige voll aus. Der dann erst kontrollierte Ölprüfstab zeigte nichts an. Das Abschrauben des Deckels vom Behälter für Kühlflüssigkeit ergab lediglich ein markantes “Phuff”. Der sofortige Anruf beim Verkäufer ergab allerdings keinen Kontakt. Er war nicht erreichbar. “Aber wir konnten das Auto ja auch nicht auf dem Feldweg stehen lassen”, erklärt Iris Gräffner die Situation.

Mit eilig gekauftem Öl, aber ohne Kühlflüssigkeit, setzten sie die Rückfahrt nach Gardelegen langsam fort. Der Verkäufer blieb nicht erreichbar. Am Montag stand der Wagen schon in einer Gardeleger Werkstatt. Die Mängelliste wurde so lang, dass dem Kfz-Meister der ausgefertigte TÜV eher spanisch als rechtens vorkam.

“Das ist eine ganz typische Situation, die wir leider nur zu gut kennen”, erklärt ein Mitarbeiter des Kriminaldienstes in Stendal auf Nachfrage der Volksstimme. Dort ist mittlerweile eine Anzeige gegen den namentlich bekannten Verkäufer des Peugeots anhängig, und er wird ermittelt, bestätigt der Kriminalbeamte. Einen Tipp für Privatkäufer von Privatverkäufern gab es aus dem Stendaler Revier: Wer auf Fahrzeugangebote im privaten Kleinanzeigenmarkt reagiert, sollte sich mit dem Verkäufer immer auf einem Parkplatz in der Nähe eines Polizeireviers oder direkt vor dem Polizeirevier verabreden. “Man kann ja begründen, dass man sich in der bestimmten Stadt oder der Gegend nicht auskennt, aber weiß, wo die Polizei ihren Sitz hat”, rät der Stendaler Kriminalbeamte. Und: “Wer Dreck am Stecken hat, der erscheint dann dort gar nicht erst. Und wenn man als Käufer misstrauisch ist, ist der Weg ins Revier und zu Informationen sehr kurz.”

Mittlerweile, der Autokauf fand Anfang Oktober statt, hat Iris Gräffner intensiv recherchiert. Mehrere solcher und ähnlicher Gebrauchtwagenangebote, mit immer derselben Handynummer, hat sie im immer selben Anzeigenteil gefunden und auch das der Polizei als Beweise zukommen lassen. Sie hofft, dass sich weitere mögliche Geschädigte nicht schämen und so per Anzeige dem Mann das Handwerk legen könnten.

Quelle: Volksstimme | Autor: Anke Kohl