31.08.2011
“Eine emotionale Begegnung”

Eine französische Delegation besuchte am Sonntag die Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe. | Foto: Matthias Lübke
Eine französische Delegation hat am Sonntag die Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe besucht. Unter den Gästen war auch Monique Dardel, deren Vater zu den Opfern des faschistischen Massakers im April 1945 gehörte.
Die französische Gesellschaft Buchenwald-Dora organisiert jährlich Fahrten zu einigen Gedenkstätten. Diesmal war die Gardeleger Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe die letzte Station der Gedenkstättenreise der französischen Delegation mit Vertretern der Fédération Internationale des Résistants (FIR), der Association Française Buchenwald-Dora et Kommandos mit Überlebenden und ihren Angehörigen.
Zwei Überlebende des Todesmarsches im April 1945 berichteten über die Geschehnisse. Als Dolmetscherin agierte Ingeborg Köhn, ehemalige Deutsch- und Französischlehrerin. Für sie sei es eine Verpflichtung, da auch schon ihr Vater, Lehrer für Deutsch, Englisch und Französisch, diese Aufgabe wahrgenommen hat. So könne auch gelebte Geschichte weitervermittelt werden. Ein ehemaliger Häftling berichtete von den Erlebnissen seines Todesmarsches, den er nur durch Glück überlebt habe. Damals habe er nicht mehr laufen können und sei in einen Graben gefallen. Wo genau, dies konnte nicht mehr nachvollzogen werden. Gerettet worden sei er später von einem Niederländer und entkam so dem Flammeninferno in der Feldscheune.
Zum fünften Mal war auch eine kleine zierliche Frau mit bei der Gruppe, die ihren Mann bei dem grausamen Mord am 13. April 1945 verlor. Doch sie und die anderen Teilnehmer der Fahrt machten deutlich, dass sie keinen Hass auf “die Deutschen” empfinden, sondern auf das damals herrschende Nazisystem mit seinen Auswüchsen.
Zu den Besuchern gehörte auch Monique Dardel. Ihren Vater Louis Allemandet sah sie zuletzt, als sie drei Jahre alt war. Über das Schicksal ihres Vaters wusste sie lange Zeit nichts, denn ihre Mutter hatte den Tod des Vaters geheimgehalten. Erst im Jahr 2000, als Monique Dardels Mutter in ein Pflegeheim zog und die Wohnung aufgelöst wurde, fielen Dardel zufällig Unterlagen in die Hände, die klar machten, was geschehen war. Darunter auch die Zeugenaussage eines Überlebenden des Massakers von Gardelegen, Georges Cretin. Dieser habe bezeugt, dass Monique Dardels Vater in der Feldscheune ums Leben gekommen ist.
Das Ehepaar Monique und Francois Dardel war bei seiner Suche nach dem Vater vor einigen Jahren mehrfach in Gardelegen. Das Paar spendete vor fünf Jahren eine größere Geldsumme, um den Gedenkstein und das Umfeld auf der Mahn- und Gedenkstätte zu erneuern, denn für Monique Dardel ist es die offizielle Ruhestätte des Vaters, der sie nicht großziehen konnte.
Besonders beeindruckend waren auch die Worte, die Köhn aus der Gedenkrede des letzten Überlebenden Lucien Colonel vorlas. Der heute 87-Jährige hatte bei seinem Besuch 2004 in Gardelegen gefragt: “Wie konnten Menschen aus dem Land der Dichter und Denker zu so einer Missetat fähig sein?” Er machte auch deutlich, dass nur ein Krieg solch eine zivilisierte Nation für die Grausamkeiten instrumentalisieren konnte.
Nach dem Besuch der Gedenkstätte fuhr die Reisegruppe dann noch zur Nikolaikirche. Dort gab es noch eine Stärkung – die hatte Frigga Conrad vom Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte organisiert -, bevor es wieder auf die Heimfahrt ging.